Stelzi Diary V

Posted Mai 27, 2008 by rokblog
Categories: Natur

Tag 5 – Dienstag, der 27. Mai 2008 in Cottbus

Es ist unglaublich. Die Ansätze von Federn sind über Nacht sehr deutlich hervorgetreten. Dieses Wachstum könnte schmerzhaft sein. Die schwarzen Federkiele spießen jetzt schon einige Millimeter aus dem Flügel heraus.

Bei den heftigen Bewegungen, die das Vogelkind vollführt, scheint es günstig, dass das Nest am Boden steht. Da seine langen Beine einige Kraft entwickelt haben, ist es denkbar, dass es, wie Anke sagt: „über die Reling seines Nestes fällt“. Die erhöhte Beinkraft wird auch deutlich, weil sich das Kleine jetzt mit dem Hinterteil nach oben bis zum Nestrand stemmt, um Kot auszuscheiden. Der Stuhlgang beinhaltet neben einem Großteil Wasser auch unverdauliche und gut erkennbare Schalenreste von Würmern.

Das Piepsen ist im Ton höher und insgesamt nochmals lauter geworden. Das Stelzenkind macht damit manchmal auf seinen weit geöffneten Schnabel aufmerksam, den es fordernd nach oben reckt. Es hat auch eine Konditionierung stattgefunden. Wenn Pinzette oder Spritze auf dem kleinen Plastikteller neben seinem Nest klappern oder die Dose mit den lebenden Würmern geöffnet wird, reißt das Kleine den Schnabel auf. Es öffnet den Schnabel wenn es (1) Hunger hat ohne dass sich etwas im Zimmer rührt und (2) wenn die konditionierten Geräusche hörbar sind. Die Nahrungsaufnahme ist beendet, wenn das Kleine die weitere Aufnahme verweigert oder wieder einschläft.

Als ich das Kleine auf eine ebene Unterlage stellte um ein Photo zu machen, wurde klar, dass de Beine noch nicht stark genug sind, um das gesamte Körpergewicht zu balancieren. Stattdessen liegt es nur da, mit dem Kopf auf dem Boden. (Photo)

Zu sehen ist, wie sich der Flaum über den gesamten Rücken ausgebreitet hat und sich die Federn an den Flügeln entwickeln. Der Schnabel wächst in die Länge.

Vor ein paar Minuten habe ich die Stelze gefüttert, dabei hat sie erstmals beide Augen ganz leicht geöffnet und gezielt nach der Pinzette mit einem Mehlwurm geschnappt. Ich habe den Wurm zuvor ertränkt, da die größeren Exemplare oft versuchen, aus dem Hals des Kleinen zu fliehen – eine makabre und weniger schöne Szene.

Stelzi Diary IV

Posted Mai 27, 2008 by rokblog
Categories: Natur

Tag 4 – Montag, der 26. Mai 2008 in Cottbus (Niederlausitz)

Das Kleine wirkt robuster als am Vortag, seine Bewegungen sind kräftiger. Die Flügel haben eine schwarze Färbung angenommen und der dunkle Streifen auf dem Rücken fühlt sich rau an. Da Anke arbeiten muss, übernehme ich die Versorgung tagsüber – in den Pausen zwischen den Vorlesungen bekommt die kleine Stelze mindestens acht Maden oder fünf Mehlwürmer, dazu ein paar Milliliter Wasser. Wir sind uns nicht sicher, ob Wasser notwendig ist. Die dauernde Rotlichtbestrahlung und die fehlenden Federn legen jedoch die Vermutung nahe, dass das Kleine dehydrieren könnte.

Das Piepsen ist mittlerweile deutlich hörbar, wenn auch leise. Zusätzlich lässt sich ein leises knacken vernehmen, das vom Schnabel zu kommen scheint. Es zeigt sich, dass die schwarze Färbung der Flügel Federn werden sollen, die Kiele sind bereits sichtbar. Ebenso die Färbung auf dem Rücken, und auch an den hinteren Flanken entwickeln sich Federn. Der Kopf hat sich von der Haut her dunkel verfärbt. Zum ersten Mal tritt auch der Bürzel deutlich sichtbar hervor. Die ganze Erscheinung des Bachstelzenabys wirkt wie die Karikatur eines betagten Vogels.

Stelzi Diary III

Posted Mai 27, 2008 by rokblog
Categories: Natur

Tag 3 – Sonntag der 25. Mai 2008 in Wermsdorf

Die lebende Nahrung scheint dem Bachstelzenbaby gut zu bekommen. Es ist deutlich vitaler als zuvor und kugelt sich durch sein Nest. Die winzigen Flügel haben einen dunklen Schatten bekommen und der kleine Vogel schlägt sie manchmal, Anke sagt: „Er träumt vom Fliegen.“ Auf dem Rücken bildet sich ein grauer Streifen und der Flaum auf dem Kopf ist dichter geworden. Der dünne Hals des Kleinen ist muskulöser und es bereitet ihm in der ersten halben Minute der Nahrungsaufnahme keine Probleme mehr, den Kopf zu balancieren. Das linke Auge hat sich bereits einen Spalt breit geöffnet – das Rotlicht soll jetzt einen niedrigeren Einfallswinkel haben, damit die Augen geschützt sind.

Der Appetit ist gleichbleibend. Jede Stunde verschwinden sieben Maden oder bis zu vier Mehlwürmer in dem Schnabel, der jetzt länger wird. Bei näherer Betrachtung sind die winzigen Nüster zu sehen.

Da Anke ihre Arbeit und ich mein Studium in Cottbus wieder aufnehmen müssen und sich hier niemand um das Vogelkind kümmern kann, wird es mit uns nach Cottbus reisen. Für die zweieinhalb Stunden Fahrt packen wir das Nest, das perfekt in eine Plastikschale passt in eine kleine Kühltasche. Um die empfohlene Temperatur von mindestens 35°C im Nest zu halten, legen wir einen Wärmeakku darunter. Mit einem Zwischenstopp für ein paar Würmer kommt das Kleine wohlbehalten in Cottbus an, wo die Bestrahlung mit Rotlicht wieder aufgenommen wird. Die Fahrt scheint ihm nicht geschadet zu haben, da es weder besondere Müdigkeit, noch Unruhe oder Appetitlosigkeit zeigt. Bei völliger Ruhe hört man, wie es ganz leise piepst.

Stelzi Diary II

Posted Mai 27, 2008 by rokblog
Categories: Natur

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Tag 2 – Samstag der 24. Mai 2008 in Wermsdorf

Das Bachstelzenbaby sieht schon vitaler aus als am Vortag. Es kann zwar noch immer nicht besonders geschickt den großen Kopf – der nur aus einem gelben Schnabel und riesigen geschlossenen Augen zu bestehen scheint – auf dem dünnen Hals balancieren, doch wenn es einen Menschen hört, reißt es den Schnabel auf. Die Nahrungsverabreichung am Vortag war mühsamer.

Ob der wachsenden Esslust und der Vorbeugung einseitiger Ernährung, gibt es jetzt nicht nur noch selbst Gefangenes, sondern auch Mehlwürmer und Maden. Die Nahrungsaufnahme erfolgt weiterhin etwa stündlich. Zwischen den Mahlzeiten schläft das Kleine unter der Rotlichtlampe, die aus etwa 40 Zentimeter Entfernung wärmend strahlt. Nach jeder Nahrungsaufnahme hat es Stuhlgang – eine clevere Erfindung: der Kot wird samt Urin in einer Art Blase ausgeschieden, die man einfach mit einer Pinzette entfernen kann. Das Nest wird dabei nicht beschmutzt. Dennoch ist das Nest mit ein wenig Stoff ausgestattet, weil die Babystelze anfängt, sich häufiger zu bewegen. Möglicherweise fehlt ihr dabei der Körperkontakt zu seinen Geschwistern. Wir versuchen das damit etwas auszugleichen.

Ein Telephonat mit einem Ornithologen ergab, dass wohl auch Bachstelzen des Nachts zu schlafen pflegen und daher keine Nahrung benötigen. Der Experte kenne zwar Kollegen, die Jungvögel aufziehen, jedoch nur Greifvögel. Das Stelzenbaby bleibt also vorerst bei uns.

Leider gibt es keine Photos aus diesen ersten Tagen, doch das Aussehen des Kleinen lässt sich so beschreiben: drei bis vier Zentimeter lang, Bauchumfang: drei Zentimeter; Flaum wie Haupthaar auf dem Kopf, dagegen kaum wahrnehmbarer Flaum auf dem Rücken und Nacktheit auf dem Rest des rosa fleischfarbenen Körpers; gelber, mehr breiter als langer Schnabel und geschlossene Augen; Beine lang, dünn und fast kraftlos mit Greiffüßchen; Flügel nackt; Atmung und Herzschlag durch die dünne Haut deutlich sichtbar (AF: 118/min; HF: 160)

Stelzi Diary

Posted Mai 27, 2008 by rokblog
Categories: Natur

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Tag 1 – Freitag der 23. Mai 2008 in Wermsdorf (Sachsen)

Ein Bachstelzen-Paar hatte sich in den letzten Wochen im oberen Teil einer etwa zwei Meter hohen Mauer aus Bruchsteinen eingenistet und dort gebrütet. Ein recht unsicherer Ort, weil leicht von Mardern und Katzen zu erreichen. Am Mittwoch zuvor lagen zwei frisch geschlüpfte Bachstelzen vor dem Nest – sie waren tot. Eine nackte, federlose Baby-Stelze mit einem lichten Flaum auf dem Kopf saß noch im Nest. Die hiermit startende Blogserie wird das Aufwachsen der verlassenen Bachstelze begleiten und dokumentieren. Sofern alles erfolgreich verläuft, soll das Kleine fliegen lernen und darauf in die Wildnis entlassen werden.

Nachdem das Elternpaar des Jungtieres mehr als zwei Tage lang nicht mehr aufgetaucht ist, beschlossen wir das geschwächte Tierbaby aufzunehmen. Samt Nest bekam es einen Platz in der Werkstatt mit Infrarot-Bestrahlung. Wasser mit Zucker verabreichten wir ihm oral mit einer Spritze, später mittels Pinzette als Schnabelersatz auch Mücken, Spinnen und Fliegen.

Es ist erstaunlich wie schwer es selbst einem Menschen fällt, ausreichend Nahrung für ein Tierbaby zu finden. Bachstelzen haben mit einer Brut aber oft gleich vier von ihnen und sind dagegen nur zu zweit, haben jeweils nur einen Schnabel und können nicht in die nächste Zoohandlung gehen um Insekten und Würmer zu kaufen.

Müssen Bachstelzen-Kinder auch nachts essen? Schon möglich. Da das Kleine den Freitagnachmittag überlebt hat, sollten wir es nicht in der Werkstatt allein lassen – es bekam einen Platz im Haus und jede Stunde etwas Eigelb mit Quark und Semmelbrösel, die ganze Nacht hindurch.