Stelzi Diary VIII

Tag 8 – Freitag, der 30. Mai 2008 in Cottbus

Schwierigkeiten

Es gibt ein paar Probleme, die uns aufgefallen sind. Seit ein paar Tagen beobachten wir kleine schwarze Tierchen in Nest und Gefieder des Kleinen. Wir sind nicht sicher ob es sich um besonders schädliche Parasiten handelt oder nicht. Fakt ist: der kleine Vogel kratzt sich nicht und auch die Haut sieht noch gesund aus. Dennoch haben wir uns jetzt vom Nest getrennt und aus Heu ein neues gebaut. Die kleine Stelze musste sich einer vorsichtigen Dusche unter lauwarmem Wasser unterziehen, was sie gut überstanden hat. Damit sie sich wieder erholt hat sie ihr Rotlicht vorübergehend wieder bekommen. Es ist sicher nicht davon auszugehen, dass wir mit dieser Maßnahme die schwarzen Tierchen losgeworden sind, doch die Population sollte sich drastisch vermindert haben – mehr können wir anscheinend nicht tun. Außer vielleicht, einen Tierarzt fragen.

Am Telephon meinte die freundliche Cottbuser Tierärztin, dass von diesen schwarzen Tierchen nicht unbedingt eine Gefahr ausgeht. Das Problem ist – und das ist einleuchtend – dass man bei einem Vogelbaby nur schwer eine abgestimmte Medikation vornehmen kann, die nicht schädlich ist.

Im Gespräch erfuhr ich auch, dass die Auswilderung des Kleinen ein Problem darstellen könnte. Während ich bis hierhin annahm, ein Vogel wäre soweit Instinktbestimmt und müsse deshalb nicht unbedingt lernen, sich in der Wildnis zurechtzufinden, meinte die Ärztin, dass es sinnvoll wäre beispielsweise die Nahrungsaufnahme zu trainieren. Jedenfalls müssten die ersten Tage in Freiheit beobachtet werden.

Und dann ist da der Kontakt zum Menschen – der sollte unbedingt vermieden werden. Eine Anforderung, die zugegeben schwierig ist, aber ebenfalls einleuchtend. Nun ist es ja nicht so, dass das Kleine gestreichelt wird oder mit der Hand gefüttert. Doch ein menschlicher Kontakt (die Geräusche, die Sprache, der visuelle gestaltliche Kontakt) findet zwangsläufig statt.

Damit ergibt sich für uns vor allem eine wesentliche Aufgabe: wir müssen den kleinen Vogel trainieren. Und dafür gibt es auch noch einen weiteren Indikator. Anke kam auf die Idee, dass wir den Vogel zu häufig füttern könnten. Inwiefern ist es denn realistisch ist, dass ein Vogelkind in der Natur jede Stunde vier Mehlwürmer zu essen bekommt? Dann müssten die Eltern ja in der Lage sein, stündlich 20 Mehlwürmer zu finden, um den Nachwuchs zu ernähren. Da der Vogel ja irgendwann und möglichst nächste Woche schon fliegen lernen soll, scheint es kontraindiziert ihn fett zu füttern – nur habe ich keine Ahnung, wie man den Body mass index eines Vogelkindes berechnet. In Anbetracht der Tatsache, dass das Kleine zusätzlich keine weiteren Fortschritte in puncto Beinarbeit gemacht hat, werden wir ihn nicht nur bewusster ernähren, sondern auch die Beine trainieren. Anke sagt: „Das Vögelchen bekommt jetzt Krankengymnastik.“ Sie ist Physiotherapeutin und weiß was sie tut. Die Nahrungsaufnahme reduzieren wir um ein oder zwei Würmer – also nicht drastisch, um das Kleine nicht zu schwächen.

Dafür dass es heute keine Bilder gibt, entschuldige ich mich und vertröste die werten Leserinnen auf morgen. Dann werdet ihr erstaunt sein, wieviel sich in der Erscheinung des kleinen Vogels wieder verändert hat. Die Federn sind wieder deutlich länger und ein Muster wird erkennbar. Aus der Babystelze wird ein richtiger Vogel.

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