Stelzi Diary VII
Tag 7 – Donnerstag, der 29. Mai in Cottbus
Wieder ein Wachstumsschub – die kleine Bachstelze wird einem Vogel immer ähnlicher. Die Stellen an denen die rötliche Haut des Kleinen noch zu sehen ist, werden kleiner und die zarten Federkiele breiten sich auf ihr aus. Auch der Kopf ist gewachsen, er scheint jetzt nicht mehr nur aus Schnabel und großen, geschlossenen Augen zu bestehen.
Als das Vogelkind heute gegen fünf Uhr morgens ob seines Hungers anfängt zu piepsen, fällt sofort auf, dass sein Organ jetzt noch höhere Frequenzbereiche anzustimmen vermag. Anke sagt daraufhin: „Gehst Du, oder soll ich?“ Diese Frage charakterisiert auf anschauliche Weise, welche sozialen Strukturen ein Tierbaby affiziert und inwieweit es zudem zeitliche Strukturen bestimmt. Seine Hilflosigkeit und Abhängigkeit setzt es in den Mittelpunkt unseres gemeinsamen Lebens. Am Telephon fragt man, ob es dem Kleinen gut geht und wenn man abends ausgehen will, muss man sich absprechen, wer das Kleine noch einmal füttert. Der Tagesablauf wird so geplant, dass das Vogelkind nicht länger als zwei Stunden allein bleiben muss. Völlig ungeachtet der persönlichen Absicht begibt man sich damit immer weiter in eine Vater- oder Mutterrolle. Dieses „Eltern-“Gefühl hat für mich zwei wesentliche Erscheinungsformen: (1) die Übernahme von Verantwortung und damit verbunden die Einschränkung persönlicher Präferenzen; (2) die Erkenntnis der Höherwertigkeit der Lebenserhaltung eines abhängigen Geschöpfes gegenüber kurzfristiger Befriedigung.
Doch aus (2) ergibt sich für mich eine Grundfrage, die mich von Anfang an beschäftigt: Wer / Was verschafft gerade diesem kleinen Vogel einen Mehrwert im Vergleich zu den Maden, Mehlwürmern und Fliegen, die wir ihm deshalb opfern. Die Frage danach, wer die kleine Kreatur (=Geschöpf) erhöht, ist leicht nämlich wir beide, Anke und ich. Nur scheint mir diese Tatsache allein keine hinreichende Rechtfertigung. Woraus begründet sich dieser Anspruch der Höherwertigkeit, den wir mit unserem Handeln unterstellen? Ich kann dafür keine befriedigende normative Grundlage finden, die sich rein (also abstrakt) argumentieren lässt. Ein (fragwürdiger) Ausweg aus dieser Ratlosigkeit bietet sich vielleicht, wenn wir zwischen höheren und niederen Lebensformen unterscheiden. Es ist in der Natur üblich, dass ein niederes Lebewesen häufig mit dem eigenen Leben für die Erhaltung des höheren Lebens aufkommen muss. Insofern ist es billig, dass wir (im Bezug auf die Bachstelze niedere Tiere) töten, um unsere Stelze zu ernähren. Wenn wir aber das Gesetz der Natur zulassen wollen, müssen wir schon früher ansetzen und es konsequenter befolgen. Ziel des Lebens ist die eigene Arterhaltung / die eigenen Gene zu vererben. Inwiefern erhalten wir mit unserem Handeln die (menschliche) Art oder gar unsere Gene? Noch schlimmer: wir erhalten eine fremde Art. Weiterhin wird in der Natur streng kalkuliert. Es war wohl Kalkül, dass die Eltern des Vogelbabys nicht mehr aufgetaucht sind. Da bereits zwei Geschwister tot waren, dürfte es sich rechnerisch kaum noch gelohnt haben, das eine Kind für weitere Wochen zu versorgen. Wir haben eindeutig gegen diese rationale Allokation verstoßen. Bachstelzen können zwei bis drei Mal pro Jahr jeweils bis zu sechs Eier legen. Die Saison ist noch jung und wahrscheinlich gelingt es dem Paar auf diese Weise, noch zwei erfolgreichere Bruten heranzuziehen. Es scheint also möglich, dass unser Vogelkind für ein neues Nest mit mehr Nachkommen geopfert wurde. Hätten sich die Bachstelzen um das eine Junge gekümmert, dann wäre möglicherweise die Zeit für ein drittes Gelege zu knapp geworden.
Die eine oder andere Leserin hat es vielleicht schon bemerkt, ich habe mich ein klein wenig über die Bachstelze informiert, nämlich gestern – was reichlich spät ist dafür, dass sie nunmehr den siebenten Tag bei uns ist. Die für mich überraschende Tatsache war, dass diese Vögel an ihrem 15. Lebenstag flügge werden. Wir schätzen, dass das Kleine bereits zwei bis drei Tage alt war, als wir es aufgenommen haben. Damit ergibt sich im günstigen Falle ein potentielles Erstflugdatum für den fünften Juni.
Weil ich gerade vom Fliegen schreibe, einige haben mich gefragt, ob wir das Kleine nicht behalten wollen: darauf ein klares nein. Bachstelzen sind Wildvögel und noch dazu Zugvögel – also keine Haustiere. Das Kleine soll fliegen lernen! Dass so ein Vogel ziehen muss, ist schließlich auch genetisch veranlagt. Es ist nicht anzunehmen, dass man ihm einen Gefallen täte, in dem man ihn einsperrt, während sich sein Körper auf den Flug nach Ägypten oder Südafrika vorbereitet. Das Einsperren von Tieren, weil man sie zu gern hat, um die freizulassen ist etwas ziemlich paradoxes. Auch wenn das mit dem Eingesperrtsein so eine Geschichte um den freien Willen ist, die ich – keine Sorge – an dieser Stelle nicht auszuführen gedenke.
Vielleicht haben sich schon einige gefragt, woran man einem Babyvogel ansieht, welcher Art er zugeordnet wird. Keine Ahnung. In unserem Falle war das jedoch ganz einfach. Ich erinnere daran, dass die Eltern des Kleinen schon seit Wochen auf unserem Hof in Wermsdorf gebrütet haben. Zudem waren sie nicht gerade scheu. Die langen Schwanzfedern, die charakteristische Färbung und die langen Stelzbeine sind bei den ausgewachsenen Vögeln einfach zu erkennen.
Andere wundern sich vielleicht, dass „das Kleine“ immer sächlich ist. Natürlich sprechen wir privat für gewöhnlich von „dem Kleinen“ – allerdings in Unkenntnis des tatsächlichen Geschlechts des Vogels. Wer also weiß, wie man das Geschlecht bestimmt, ist herzlich eingeladen das hier zu verkünden. Dem Vogelkind dann aber einen Namen zu geben, halte ich für eine komische Idee – warum müssen wir immer alles personalisieren und in Besitz nehmen, in dem wir ihm einen Namen verpassen? Und Name meint in diesem Zusammenhang nicht begriffliche Bestimmung.
All jenen Leserinnen, denen im heutigen Beitrag die Babystelze selbst vernachlässigt scheint, kann ich nur raten weiter dran zu bleiben – ich werde mich bemühen und aus dieser Geschichte in Zukunft kein naturphilosophisches Forum entwickeln.

