Stelzi Diary
Tag 1 – Freitag der 23. Mai 2008 in Wermsdorf (Sachsen)
Ein Bachstelzen-Paar hatte sich in den letzten Wochen im oberen Teil einer etwa zwei Meter hohen Mauer aus Bruchsteinen eingenistet und dort gebrütet. Ein recht unsicherer Ort, weil leicht von Mardern und Katzen zu erreichen. Am Mittwoch zuvor lagen zwei frisch geschlüpfte Bachstelzen vor dem Nest – sie waren tot. Eine nackte, federlose Baby-Stelze mit einem lichten Flaum auf dem Kopf saß noch im Nest. Die hiermit startende Blogserie wird das Aufwachsen der verlassenen Bachstelze begleiten und dokumentieren. Sofern alles erfolgreich verläuft, soll das Kleine fliegen lernen und darauf in die Wildnis entlassen werden.
Nachdem das Elternpaar des Jungtieres mehr als zwei Tage lang nicht mehr aufgetaucht ist, beschlossen wir das geschwächte Tierbaby aufzunehmen. Samt Nest bekam es einen Platz in der Werkstatt mit Infrarot-Bestrahlung. Wasser mit Zucker verabreichten wir ihm oral mit einer Spritze, später mittels Pinzette als Schnabelersatz auch Mücken, Spinnen und Fliegen.
Es ist erstaunlich wie schwer es selbst einem Menschen fällt, ausreichend Nahrung für ein Tierbaby zu finden. Bachstelzen haben mit einer Brut aber oft gleich vier von ihnen und sind dagegen nur zu zweit, haben jeweils nur einen Schnabel und können nicht in die nächste Zoohandlung gehen um Insekten und Würmer zu kaufen.
Müssen Bachstelzen-Kinder auch nachts essen? Schon möglich. Da das Kleine den Freitagnachmittag überlebt hat, sollten wir es nicht in der Werkstatt allein lassen – es bekam einen Platz im Haus und jede Stunde etwas Eigelb mit Quark und Semmelbrösel, die ganze Nacht hindurch.
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