Schlechte Synonyme

Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie sorgen seit zwei Tagen für suggestive Überschriften: „Geschichtslose Generation“ und „Mauer? Welche Mauer?“ hieß es in der Süddeutschen Zeitung. 5000 Jugendliche der zehnten und elften Klassen in vier Bundesländern wurden befragt, darunter 750 Schüler des Landes Brandenburg, das neben Berlin das einzige neue Bundesland in der Studie war. Eine recht objektive Ausführung über die Studienergebnisse in Brandenburg gibt es unter: http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2007/fup_07_304/index.html

Die Wende liegt gerade mal 18 Jahre zurück und schon verklärt sich die Erinnerung. Ein ganz normaler Vorgang, das passiert ständig. Da verklärt sich die goldene Jugend als eine sonnige Zeit mit Freunde und Partys. Oder die erste Liebe wird zur unerreichbaren Ikone, an der alle anderen Beziehungen scheitern müssen. Da müsste man sich über die Ergebnisse der kürzlich veröffentlichte Studie keine Sorgen machen: Das Verklären der Erinnerung – Ein ganz normaler Vorgang.

Doch so einfach ist es dann doch nicht. Denn hier geht es der Demokratie an den Kragen. Wer eine Volkssouveränität nicht von einer Scheindemokratie unterscheiden kann, wer die Freiheit des Einzelnen nicht schätzen gelernt hat, der kann nicht in einem demokratischen Staat leben, ohne ihn zu gefährden. Das muss allen klar sein/werden.

Unklar ist dagegen die Interpretationsweise der Studienergebnisse durch große Tageszeitungen. Sogar die Elite ließ sich hinreißen: „Ostdeutsche Jugendliche haben ein völlig falsches Bild von der DDR.“ (SZ) oder die Behauptung, dass „ein Großteil der [ostdeutschen] Bevölkerung nicht zu schätzen weiß, was durch die Wende erreicht wurde: die Abschaffung der Diktatur und de Gewinn der Demokratie.“ (auch SZ am 28.12.07)

Die objektive Berichterstattung scheitert hier an Basisfehlern (gewöhnlich eher durch Berliner Zeitung Online, MoPo und Bild geprägt): das Schnittmengenproblem.

„Die Ostdeutsche Bevölkerung“ ist ein wirklich schlecht gewähltes Synonym für „750 Brandenburgische Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren.“ Auch das führt zur Verklärung von Tatsachen.

Besonders wenn es um Bildung geht sollten die Redakteure nicht versuchen Bundesländer auf ihre Vergangenheit zu reduzieren, sondern sich an die Fakten halten. Bildung ist zudem Ländersache, keine Ost/West Geschichte.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem sozialen Zusammenhang, denen die Ergebnisse entstammen. Die Tendenz sozialer Sicherheit einen Teil seiner persönlichen Freiheit zu opfern ist nicht immer ungerechtfertigt. Wer am Existenzminimum lebt, der fragt seltener nach Menschenrechtsverletzungen. Der legt nicht immer Wert auf unabhängige Berichterstattung in den Medien, oder darauf jederzeit seine Meinung frei verkünden zu dürfen, um die sich vielleicht kein Mensch schert. Wer so leben muss, fragt sich eher, wovon er die nächste Rechnung bezahlen soll, oder wie er seinem Vermieter erklärt, dass er die Miete schuldig bleiben wird. Demokratie ist Luxus. Freiheitliches Denken zeugt von Wohlstand. In Regionen mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent, einem Durchschnittsgehalt an der untersten Grenze und einer vermoderten Infrastruktur muss die Demokratie ja auf der Strecke bleiben.

Niemals dürfen wir den Fehler machen diese Regionen und die Menschen, die dort leben, abzuschreiben. Denn Bildung ist aufholbar. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit gegen die Unwissenheit und den Demokratieverdruss. Eine auffällige und wachrüttelnde Berichterstattung hilft zusätzlich, nötige Entscheidungen beherzter als bisher anzugehen und schafft die Bereitschaft für Veränderung bei den Bürgern. Die Skandal-Tour, die einige Blätter fahren, verschleiert jedoch Ursachen und tatsächliches Ausmaß solcher Befragungsergebnisse und führen vor allem dazu: Einem einseitigen Ost-Bild. Mindestens genauso einseitig wie die viel (und zu Recht) kritisierte Idealisierung der DDR durch den Ostalgie-Kult. Kritikwürdig ist der Kult, weil nicht jeder das nötige Geschichtsverständnis für diesen Produkt-Fetischismus hat, um nicht einer gewaltigen Täuschung zu unterliegen.

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One Comment on “Schlechte Synonyme”

  1. Marco Says:

    Du hast es. Genau das ist das Problem, ich glaube dass uns weder eine Verherrlichung, noch die Verdrängung, aber erst recht nicht eine derartige Berichterstattung weiter bringen. Verständnis und Verständigung!!


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